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Kolumne 3

Hal Fosters Lebenswerk „Prinz Eisenherz“ im Nachgang

Für den Verfasser eines fachorientierten Blocks ist die Themenwahl einer Kolumne das, was die Schifffahrt als den Bug ihrer Schiffe nennt: Steht (bzw. liegt) ganz vorne und fixiert den Weg, den das Schiff zu nehmen hat. Nicht zu verwechseln mit seinem Kurs: den bestimmen Kapitän oder Steuermann.

Ich habe lange nachgedacht, überlegt, ob ich Hal Fosters Lebenswerk unter dem Brennglas betrachten kann, mich nahe seinen Absichten und Zielen annähern soll, denn sein uns hinterlassenes Werk sind nicht nur annährend 2.200 mehrfarbige Sonntagsseiten (Sundaypages), mit einem durchgehend unterlegten Geschichts-Textblock, (Sprechblasen waren verpönt), sondern auch noch circa 400 bis 500 Entwürfem (Sribbles) für die Folge-Seiten, die sein Nachfolger John Cullen Murphy dann stellvertretend zu Papier brachte.

Dazu gesellen sich noch eine Fülle von Buch- und Zeitschriftenbeiträgen – weltweit – kaum überschaubar. Wer nur einige seiner Seiten für die Geschichte des Prinzen angesehen hat, weiß, dass seine Arbeitswut, sein Fleiß, aber auch sein Ehrgeiz, der Beste sein zu wollen, kaum noch zu überbieten sind. Mit und von einer Qualität, die auf diesem Feld der Illustration bisher vermutlich noch nicht überboten worden ist. Letztlich seine Fabulierkunst, der er mangels einer universalen Ausbildung ein autodidaktisches, im Selbststudium angeeignetes Können und Wissen über „das Mittelalter“ hinzufügte. Es muss dem Himmel der Vorwurf gemacht werden, ihn unvorsichtigerweise trotz dieses geballten Wissens und Könnens schon nach rund 82 Jahren zu sich genommen zu haben. Eine enorme Verschwendung an Ressourcen!

Als Oldtimer im 80 Lebensjahrzehnt habe ich viele Ereignisse einst persönlich miterlebt, so auch den Übergang zwischen Foster und Murphy im Jahr 1971, der aufgrund von gesundheitlichen Problemen an Fosters wichtigstem Handwerkzeug, seinen Händen, unabwendbar geworden war. Zwei Jahreszahlen mögen es außerdem verdeutlichen: geboren 1896 und seit 1936 durch sein Baby Prinz Eisenherz (Prince Valiant) mit durchschnittlich 50 bis 60 Arbeitsstunden wöchentlich mehr als ausgelastet.

Ich kannte, liebte und sammelte von allem Anfang (1950) an in Deutschland diesen Fortsetzungs-Comic, der mit 13 Jahren Verspätung infolge Diktatur und Weltkrieg in Deutschland erst ankam, für den die Bezeichnung Comic eine Beleidigung war, denn Foster produzierte Kunst im Illustrations-Format. Jede Folge – in der Badischen Woche damals einfarbig in bräunlichen Tönen – wurde von mir förmlich verschlungen, Foster Seiten waren Pflichtlektüre, wenn die wöchentliche Zeitschriftfolge erschien. Folglich total auf Fosters Zeichen- und Erzählerstil fixiert, vergesse ich nicht den „für mich furchtbaren Tag“, als die erste Murphy-Page abgedruckt wurden. Damals, nach mehr als 20 Jahren, Eisenherz in Farbe, aus der amerikanischen Armeezeitung „Stars and Stripes“. Ich sah sofort, dass sich hier „Ungeheures“ abspielte und das bei meinem Prinz und seinen Abenteuern! Da hatte vermutlich sich ein Anderer eingeschlichen?

Tief betrübt versicherte ich mich des Beistandes in der Familie. Meine Frage an lautete: „Das ist doch ein anderer Zeichner, oder?“ Zu annähernd 100% lautet deren klare Antwort: „Das ist ein anderer!“

Ein heutiger Fan wird meine Situation und die von Millionen mit mir nur schwerlich nachvollziehen können. Er sollte aber bedenken: in Deutschland spielte damals ein Comic noch nicht die große Rolle, anders als in den USA. Er war noch mehr Nischenprodukt, eine Abwechslung zum Frühstück am Sonntag. Auch noch kein Bedarf nach „Berichterstattung“, so wie in späteren Jahren. Fosters Entscheidungen, angefangen von seinen gesundheitlichen Problemen, die Suche eines Nachfolgers bis hin zu seinem Verkauf der Rechte an King Features Inc. in New York, erreichte hier die noch überschaubare Gruppe von Interessierten - wenn überhaupt – erst deutlich später als im Mutterland USA.

Deutsche Verlage begannen gegen Ende der 50er den Comic zu entdecken, warfen erste Nachdruck-Produkte auf den Markt und Comic-Fachzeitschriften befriedigten das schnell größer werdende Interesse von Lesern mit Publikationen für Freunde solcher Serien. Fachleute, die von sich behaupteten, den amerikanischen Markt für Comics aus eigenen US-Reiseerfahrungen zu kennen, kommentierten Nachdruck-Passagen und verfassten viel Sekundärliteratur in Büchern. Es herrschte Wildwest beim Comic.

Ich zähle mich zu den langjährigen Prinz-Eisenherz-Lesern, welche die Gunst der Stunde nutzten, erste kleinere Sammlungen anzulegen, Einer, der zwar langsam, aber schließlich doch intensiv das Gesamtwerk Eisenherz zu hinterfragen begann. Der Zauber, der von seiner Geschichte, seinen Illustrationen, auch seinen Moralvorstellungen (ausging), der auch an mich zwischen - dem zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr - übersprang, wurde zum konkreten Hobby, das ich intensiv genoss und voll Interesse alle Nachrichten darüber verfolgte, schließlich richtig zu sammeln begann.

Hier will ich noch ein sehr persönliche „Erlebnis“ einflechten, was mir der Star des Abenteuercomics, Harald Foster, stets zu Weihnachten bescherte. Meine Eltern wussten natürlich um diese Leidenschaft und es war schnell beschlossene Sache: auf meinem weihnachtlichen Gabentisch lagen stets die neuesten Buch- und Broschüren-Titel aus der Serie. Das von meinem Vater eingeführte Taschengeld hätte für den Kauf nicht ausgereicht. Mein Glück kannte keine Grenzen. So sind meine Eltern zu Geburtshelfern meiner Sammelwahn mutiert. Wir haben in späteren Jahren in mancher Kaffeerunde am Sonntag darüber miteinander geschmunzelt und gelacht!

Bei einem dieser zahlreichen Kommentatoren für US-Comics las ich Sätze, womit Fosters künstlerische Entwicklung betrachtet wurde: Er besaß zwei volle Jahrzehnte (ca. 1945 bis 1965) große künstlerische Freude an seinem Prince Valiant, hatte aber dann in den späteren Jahren (1966 bis 1981) schwächere Schaffensperioden. Begründet hat der Verfasser dies u.a. mit dem Zyklus der Seiten 972 bis 980. Weiter erinnert er in seinem Bericht an Fosters gelegentliche Wiederholungen von Szenen und Handlungen zum Zwecke, sich Luft für die weiteren Veröffentlichung von Seiten zu schaffen (Seiten 1376/77 und 1566/67), z.B. wenn er mit seiner Frau Helen auf Europa- oder Asienreise ging, um Landschaften, Spielorte oder Ähnliches zu erkunden, zu skizzieren, um sie in spätere Handlungsabläufe einzubauen zu können. Wichtig: Foster soll sich mehr als Illustrator denn als Zeichner verstanden haben: „Alles hängt von der Story ab, sie ist das Wichtigste. Illustrationen geben der Geschichte nur eine andere Form und müssen die Story tragen. Mit schlechten Zeichnungen kann man trotzdem eine gute Geschichte transportieren, aber nicht umgekehrt.“

Eine besonders kritische Stimme glaubt sogar, dass Fosters beste Tage schon nach rund 1.000 Seiten ausgepowert waren, ein wirklich absurder Vorwurf, denn das Nachlassen seiner Kräfte erfolgte viel später, nicht schon bei Seite 1.024!

Leider – so muss ich es nennen – steigert sich ein Artikelverfasser in die Behauptung hinein, „die Sekundärliteratur verschweige bewusst diesen Abbau in Fosters künstlerischem Werk“. Als angeblichen Beweis für seine strittige Behauptung zitiert er die Seite 1.386, die er so beschreibt: „leblos, wie von Hand Murphys.“ Hier meine ich eine starke Voreingenommenheit festzustellen, die leider wenig zu einer Beurteilung taugt. Was ist das wirklich: berechtigte Kritik oder nur Profilierungssucht? Ich zumindest sehe hier eine unfaire Form von Stimmungsmache. Ich habe mir diese Seite in der Reprint-Ausgabe von Fantagraphics wiederholt länger angesehen. Mein Fazit: Geschmäcker sind bei uns allen verschieden, vielleicht die einzig zutreffende Aussage zu der merkwürdigen Meinung dieses Verfassers.

Vielleicht tut es Not, in der Diskussion um Fosters großartiges Gesamtwerk daran zu erinnern, dass es sich dabei um eine reine Phantasiegeschichte Hal Fosters handelt, die er sich zwar mit Hilfe unzähliger Geschichtswerke erdacht hat, die aber nicht einen Anspruch haben, als geschichtlich mögliche Realität gelten zu könne. Der Prinz Eisenherz-Comic kann ohne negative Grundstimmung als Rittermärchen bezeichnet werden. Folglich standen dem Künstler Foster alle Varianten einer Phantasie-Erzählung zur Seite.

Etwas anderes ist die künstlerische Beurteilung all der Bilder und Motive, mit deren Herstellung Foster über 40 Jahre lang mit großem zeitlichen Aufwand tätig war. Wie bei jedem Künstler ist auch bei ihm feststellbar, dass seine Typologie aller vorkommenden Personen mitunter an Grenzen kommt, obwohl seine Vielzahl der Guten wie der Bösen erstaunlich groß ist, wie wir in dem Bocola-Ergänzungsband 18 auf den Seiten 18/19 mit je 30 Portraits beider Gruppen feststellen können. Hinzu kommen, aus der jeweiligen Realität entnommen, die diversen Landschaftsabbildungen, die von real existierenden Plätzen als Vorbilder stammen. Fazit: Foster hat erstklassig seine Märchenwelt mit realen Fakten verknüpft. Wer für eine einzelne Seite pro Woche 50 bis 60 Arbeitsstunden aufgewendet hat, darf sich ungestraft ein Meister dieser Illustrationskunst nennen.

Ein letzter Aspekt der Comicarbeit: während die überwiegende Anzahl von Künstlern dieser Genre sich aufgrund sehr kurzer Abgabetermine der Vorlagen für den Zeitungsdruck nicht mit dieser sorgfältigen Arbeitsmethode Fosters abgaben, sondern Vereinfachungen nutzten, blieb Foster die Ausnahme. Weil er klugerweise sich von allem Anfang an ausreichend Zeit für seine Vorlagen hatte einräumen lassen, weil er geradezu pedantisch selbst das kleinste Detail sachgerecht anlegte, geriet diese Arbeit zu einem Meisterwerk der darstellenden Kunst. Die überwiegende Zustimmung zu seinen Blättern spricht für sich, 2.200 Seiten in rund 40 Jahren bedürfen nicht mehr der Kritik. Und danach das Gedankengut weiterer acht Jahrgänge als gute Vorbereitung für seinen Partner Murphy enthebt ihn einfach einer qualitativen Rechtfertigung. Der Mann war gut, sein Werk ist exzellent!

Bei meiner biografischen Reise durch den Prince Valiant Comic Schwerpunkt Foster suchte ich intensiv auch nach Kritik an ihm, mit denen Künstler leben müssen. Wie schon angedeutet, ich fand nur einige ganz wenige, die mir aber mehr als krampfhafte Versuche erschienen denn als konstruktive, nachvollziehbar gültige Kritik. Es liegt mir fern, den Künstler Harald Foster in die Weihen der großen Kunst zu erheben. Doch widersprechen kann man – wenn man fair urteilt – nicht seinen exzellenten Arbeiten in einem Unterhaltungsmedium, das zwar als Abenteuer-Comic gilt, in das der Künstler aber enorm vielfache Elemente seiner zeichnerischen Kunst investierte. Ich fand folglich nur ganz wenige kritische Bemerkungen über ihn – wie z.B. dass er im Alter qualitativ „abgebaut hätte“. Eine Binsenwahrheit, wir alle leiden im Alter unter Verlusten unsere vorherigen Möglichkeiten. Er hielt in vielfacher Form bis 1978 durch, wofür ihm aller höchstes Lob gebührt. Seine zigfach in Taskshows geäußerte Meinung über sein Werk, das er nach Ende seines Lebens ganz mit seinem Werk untergehen und in Vergessenheit gerate, weil sein Comic nur ein spielerisches Zeitzeugnis wäre, traf glücklicherweise nicht ein. Er musste gehen (wie wir alle) - sein Werk blieb aber zurück und strahlt noch heute 48 Jahre nach seinem Tod und zieht neue Bewunderer an.

Verwendete Literatur
Zitat Stephen Becker im Buch „Comic Art in Amerika : „… mir kamen dabei Einzelbilder vor, als habe Foster daran länger gesessen als andere Zeichner an einer ganzen Sonntagsseite“

Zitat Harold Foster: „Ich kaufte mir jedes Buch, das mit dem 5. Jahrhundert und Britannien zu tun hatte!“

Zitat Harold Foster: „ … Ich gab Murphy ein paar Seiten denn er kann wirklich gut zeichnen. Nur leider macht er daneben noch zu viel andere Aufträge, weil er eine neunköpfige Familie ernähren musste“.

Foster`s letzte Arbeit 1978 war eine aufwendige Farbseite mit den Maßen 43 x 74 cm. Es wurden 110 Drucke hergestellt, die Foster signierte. Die ersten Exemplare kosteten noch 495 US-Dollar, später stieg der Preis auf das Mehrfache. Ähnliches geschah mit dem einzigen Comicheft, für das Hal Foster das Titelbild zeichnete (1941, Verlag Mekay, USA) der Preis: 1.000 US-Dollar je Exemplar!

Die zum Thema durchgearbeitete Sekundärliteratur und daraus hier zitierte Aussagen in div. Zeitschriften/Beiträgen/Buchtiteln.
Gerhard Klußmeier, Alles über Prinz Eisenherz, Verlag Pollischansky, Wien 1987

Eine literarische Würdigung

Interview Harold Foster mit Bill Crouch 1975

Hal Foster/John Cullen Murphy und Prinz Eisenherz

Brian M.Kane, Prinz Eisenherz. Ein Handbuch für Kenner und Liebhaber, Verlag Bocola GmbH, Bonn 2010

Hal Foster: Zeichen der Geschichte: Hal Foster / Arn Saba

Der Mann, der Prinz Eisenherz zeichnete, Virgina Irwin 1949

Andreas C. Knigge – Richard Marschall, Das Große Hal Foster Buch, Carlsen Verlag, Hamburg 1992

Harold Foster - ein Lebenslauf von Wolfgang J.Fuchs

Prinz Eisenherz von Wolfgang Knorr

Interview Harold Foster mit Fred Schreiber 1969

Ergänzend: Diverse Comic-Fachartikel in Zeitschriften : ALFONS, COMIC-FORUM, REDDITION, SPRECHBLASE, TREFFER

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